S.I.P.S. — Sound Intervention in Public Space


Interview zwischen Marvin im Zuge der Masterthesis zu S.I.P.S.
SS 2015

Studierende

Marvin Brendl


Richtung

Installation
Audiovisuelle Kunst/sound art
Public Art


Projektart

Master

Hallo Marvin Brendel. Du machst ja für deine Masterthesis ein Projekt mit dem Namen "Sound Intervention in Public Space". Um was genau handelt es sich dabei?

Hallo Marvin. Erstmal vielen Dank für die Einladung zu diesem Interview. Ja genau, ich bin gerade dabei meine Masterthesis auszuarbeiten. Das Projekt heißt S.I.P.S - "Sound Intervention in Public Space" was auf deutsch soviel heißt wie "Klangliche Eingriffe im öffentlichen Raum".

Es geht dabei um neue Wahrnehmungen des Stadklangbildes. Meistens werden Städte und Dörfer ja mit Klang einfach nur zugemüllt. Ich zum Beispiel wohne in Saarbrücken und da geht mitten durch das Stadtzentrum eine Autobahn. Das ist praktisch für infrastrukturelle Gegebenheiten, aber klanglich ist diese Stadt ein Desaster. Mit meinen klanglichen Eingriffen möchte ich nicht die Stadtautobahnen dieser Welt überdecken. Ich versuche vielmehr mit meinen Klängen Farbe in das Stadtklangbild einzubringen. So wie ein Graffitikünstler einer grauen Hauswand mit etwas Farbe wieder neues Leben einhaucht.

 

Das Thema Graffiti scheint bei diesem Projekt eine Rolle zu spielen. Wieso kommst du ausgerechnet über Graffitis an deine Klangkunst? Warum nicht über Musik oder etwas Naheliegenderes?

Nun ja, ich finde, dass gerade Graffiti und Klangkunst wie Geschwister sind. Wobei das Graffiti eher der ältere große Bruder, ist und die Klangkunst der kleine Bruder, der jetzt mit mir in die Pubertät kommt. Die Klangkunst im öffentlichen Raum kann sehr viel vom Graffiti lernen. Man braucht zum Beispiel den richtigen Ort, die passende Zeit, das richtige Motiv - was im Falle von S.I.P.S.  der passende Klang wäre. Viele gute Graffitikünstler brauchen oft lange, bis sie Ort und Motiv miteinander verbinden können. Andere laufen durch die Straßen und sprühen ihren Namen an jede Wand. So stelle ich mir S.I.P.S auch vor. Es soll Klangeingriffe geben, die von langer Hand geplant sind und auch richtig aufwändig in der Umsetzung. Aber auch kleinste Eingriffe die schnell eine Wirkung erzielen.  

 

Viele Menschen behaupten ja, dass die Kritzeleien an Hauswände keine Kunst seien, sondern einfach nur Schmierereien. Daran willst du dich orientieren? Wie sähe so ein Kleinsteingriff denn zum Beispiel aus?

Eindeutig: ja! Was wären unsere Städte ohne diese Form der Straßenkunst? Berlin wäre gänzlich grau und verändern würde sich da ja nur das Wetter. Du läufst durch die Strassen und jeden Tag ändert sich etwas. Ich finde das unglaublich wichtig, dass eine Stadt eine gute und aktive "Vandalismus Szene" besitzt. Warum sind viele Dörfer und manche Städte denn so verdammt trist? Meist sind dort graue Wände ohne Farbe. Mit kleinsten Klangeingriffen kann man da ähnlich intervenieren. Ein befreundeter Klangkünstler (Es handelt sich dabei um den Saarbrücker Künstler Peter Strickmann Anm. d. Red.) hatte mir mal erzählt, dass er kleine Stöcke auf die Strasse gelegt hat. Wenn dann Autos darüber gefahren sind, sind sie zerbrochen, und der Klang der Strasse war ein anderer. Find ich eine super Idee und würde sie auch direkt in mein Repertoire aufnehmen. Nur leider passt sie so nicht gut zur Ideologie von S.I.P.S.

 

Wieso nicht?

Nun ja. Wenn ich mich mit S.I.P.S so an die Graffitikunst anlehne, möchte ich darin nur Arbeiten sehen, die weniger schnell vergänglich sind. Oder zumindest schwerer zu entfernen. Mit Kreide auf dem Boden malen würde ja auch keiner als Graffitikunst bezeichnen.  

 

Es kommt darauf an! (lacht)

(Marvin lacht auch)  

 

Es scheint, als stünde da in aller Freiheit doch ein strenges Konzept dahinter, was die Umsetzung der Arbeiten von S.I.P.S. betrifft. Was sind denn die "Regeln,“ wenn ich das so mal nennen darf.

Auch wenn das Wort "Regeln" sicherlich das falsche Wort ist, kann man es daran ganz gut erklären. Ich versuche mit S.I.P.S. in der noch jungen, doch sehr verkopften und akademisierten Klangkunst eine neue Nische zu etablieren. Eine die wild und frei ist. Wo man sich als Künstler, ohne auf Preise, Ausstellungen oder Genehmigungen zu achten, austoben kann. Leider sind in der bisherigen Klangkunst im öffentlichen Raum ganz oft externe Energiequellen nötig, um zum Beispiel Lautsprecher zu bedienen, Arbeiten werden nur für kurze temporäre Projekte installiert oder müssen mit enormen Aufwand erhalten werden.

Da kommt dann bei S.I.P.S das "Regelwerk" der Graffiti ins Spiel:

Sie funktionieren ohne Strom.

Sie sind auf "Dauer" installiert.

Sie benötigen keiner Pflege.

Lediglich andere Sprayer oder die Stadtreinigung kommen irgendwann und entfernen die Arbeiten. Und dahin möchte ich mich mit S.I.P.S bewegen. Wie kann ich Klang erzeugen, ohne Strom. Ich brauche also irgendetwas, das klappert, das rappelt das pfeift. Ich muss es so aufhängen, dass es möglichst schwierig zu entfernen ist. Also auf Dächer, schwer erreichbare Orte oder mit jeder Menge Kleber. Und zu guter letzt muss die Arbeit auch so gebaut sein, dass Sie robust genug ist, Wind und Wetter zu trotzen.

 

Was genau unterscheidet denn dann die Klangkunst von S.I.P.S? Denn mit Sicherheit gibt es das schon so!

Mit Sicherheit gibt es das so. Ja! Wenn wir auf Definitionen- und Schubladendenken stehen, müssen wir die Graffitis, die Strassenklangkunst, und jedwede Kunst im öffentlichen Raum in die Streetart stecken. Aber S.I.P.S. will hier eine kleine Nische schaffen, die es einfach noch nicht wirklich gibt.  Es gibt es viele Künstler*innen, die schon lange genau so arbeiten. Zum Beispiel Max Estlay, Lukas Kühne, etc.  Ich versuche dies zu Bündeln.    

 

Kannst du uns ein Projekt beschreiben das du vorhast zu installieren? Was machst du zum Beispiel als praktischen Teil für deine Masterthesis?

Ja gerne. Ich werde zwei Eingriffe in Saarbrücken durchführen.

Die erste: Hier gibt es eine sogenannte Graffiti Wall. Das heißt eine Wand wo Wandmalerei legal ist. Diese Wall liegt direkt unter einer Autobahn und über der Saar. Ein Ort wo dringend klangliche Interventionen von Nöten sind. Ich bin dort häufig vorbeigegangen und habe die jungen Graffitikünstler schon von weitem gehört, mit dem Gerappel ihrer Dosen. Dieses Geräusch greife ich in meiner Arbeit auf. Ich nehme leere Spraydosen und baue aus ihnen eine Art Mühlrad. Dieses wird dann am Wasser befestigt. Durch die Strömung wird sich das Rad ständig drehen, so das die Dosen ständig Rappeln. Als wären fleißige Sprüher Tag und Nacht vor Ort am Arbeiten.

Vielen Dank für das Interview.

Ich habe zu danken.