Chloe, 15 x 20 cm


SS 2017

Studierende

Ida Kammerloch


Lehrende

Prof. Eric Lanz


Studiengänge

Freie Kunst


Projektart

Bachelor

Erdgeschoss: Bilderrahmen, Sockel
Keller: Bilderrahmen, Sockel, Raumtrenner, 2 Beamer, Kassenzettel, 4 Monitore, Regal, Aufsteller, 15 Stühle, Ventilator, Tisch, Lampe, Stuhl, 2 Lautsprecher, Parfumgeruch

Der Rahmen, der ein Gesicht einschließt, ist nicht allein ein äußerer Rahmen, der das Format eines Fotoabzugs markiert, sondern auch ein symbolischer Rahmen, mit dem wir jemanden als Bild wahrnehmen. (1)

Saarbrücken, 16.06.2017, Haushaltswarenabteilung.
Es begann, als ich dieses Ding kaufte: Einen silbernen Bilderrahmen mit dem exakten Bildmaß 15 x 20 cm. Hinter dem Glas befand sich das Porträt einer jungen Frau: Schön, brünett, blaue Augen. Zum Preis von 16,99 Euro gab es beim Kauf eines solchen Rahmens das Bild gratis dazu. Auf der Rückseite der Verpackung stand ein Name: Chloe.

Was hälst du von dem Namen Chloe für ein Mädchen?
– Schöner Name, aber nicht für ein russisches Mädchen.

Fasziniert von der Tatsache, dass Chloe mit ihrem Gesicht bloß als Platzhalter agiert, mache ich mich auf die Suche nach ihr. Es beginnt eine intensive Recherchephase basierend auf öffentlich zugänglichen Informationen rund um das Foto, als auch die Identität der Abgebildeten. Google-Bildsuche, Bilddatenbanken, Webseiten, Facebook, Instagram, etc.
Entgegen der flüchtigen Natur von Stockfotos entsteht eine komplexe Beziehung zwischen mir, der Künstlerin und der jungen Frau auf dem Foto. Die obsessiv-einseitige Beschäftigung macht mich in dieser Zeit sozusagen zu einer Art Stalkerin und verwandelt die Person auf dem anonymen Foto in das Objekt meiner Begierde.

In der Unmöglichkeit das „Ding an sich“ (das Reale) besitzen zu können, erleidet die Begierde einen Mangel. Nur im „Mord“ am Ding, im Verzicht auf das „Wirkliche“, gelingt es, den Mangel bis zu einem bestimmten Grad auszugleichen. (2)

Unter dem Einfluss des stetig wachsenden Informationsgeflechts und der fortlaufenden „Ermittlungen“ vollzieht sich ein Wandel. In dieser Zeit engagiere ich eine Visagistin. Sie soll mich ganz nach der Frau im Rahmen schminken. Mein Bild wird ihr Bild und umgekehrt. Die Fälschung wird in umliegende Geschäfte geschmuggelt.

Während das Original seine Einbindung in der Gesamtausstellung im Erdgeschoss findet, befindet sich das reinszenierte Foto in einer komplexen Raumarbeit im Keller. Der Bruch im scheinbar ähnlich anmutenden Bild ist nicht auf Anhieb wahrnehmbar.

Chloe 15 x 20 cm ist Hommage, wie Kritik an ein einziges, unscheinbar wirkendes Stockfoto und widmet der Unbekannten eine Gesamtausstellungsfläche von über 360m².

Umso mehr bedürfen diese heimatlosen Bilder einer Anbindung, ja es ist eine Art von Heimweh, was sie um die ganze Welt treiben lässt: Sie sind immer auf der Suche nach Orten, an denen sie etwas bedeuten dürfen. (3)

Orchestriert von der Stimme des Erzählers findet sich der suchende Betrachter in einer labyrinthartigen, multi-sensuellen Raumsituation wieder. Wie das Wurzelsystem unterhalb einer Frucht, erstreckt sich das Netzwerk aus Informationen und Beziehungen auf vielen Ebenen. Die Montage olfaktorischer, visueller und akustischer Puzzleteile fordert den Betrachter auf, sich zu positionieren. Zwischen Realität und Fiktion.

Chloes wahrer Name wird nie genannt.

Anmerkungen:
1 Hans Belting: Faces: Eine Geschichte des Gesichts. C.H. Beck 2014, S.202
2 Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Phänomenologie des Geistes. 1807
3 Wolfgang Ullrich: Bilder zum Vergessen. Die globalisierte Industrie der „Stock Photography“

Abbildungen